Unternehmenskultur: Sind wir nicht alle ein bisschen NSA?

Der Hochleistungscomputer in meiner Hosentasche vibriert (früher hieß dies noch: Das Telefon klingelt). Ich nehme ab: „Hallo, ich sitze gerade im Zug. Kann ich dich später zurück rufen?“ Es ist nicht primär die schlechte Verbindung auf der Bahnstrecke, die mich mein Gespräch auf später verschieben lässt. Es sind die vielen Ohren der Mitreisenden, die nur darauf warten, spannende Details aus dem Leben eines Fremden zu erfahren. Ok, klingt etwas paranoid. Aber seit unser Altersgenosse Edward Snowden 2013 die Welt darüber aufklärte, wie es um unsere Überwachung wirklich steht, verdient die Betitelung dieses Verhaltens als paranoid nicht einmal ein müdes Lächeln. Wir werden überwacht! Und auch wenn mich dies in meinem Alltag ganz ehrlich so gut wie gar nicht beschäftigt, glaube ich für die große Mehrheit von uns zu sprechen, wenn ich sage, dass uns diese Tatsache nicht gerade angenehm scheint. Als mündige, erwachsene Menschen erwarten wir Freiheit und Vertrauen. Ich persönlich weiß ja schließlich, dass es sich für eine NSA oder sonst einen Nachrichtendienst nicht lohnt, mich zu überwachen und zu kontrollieren.

Aber – und jetzt kommt die Kehrseite der Medaille – ist es nicht ganz gut, wenn andere überwacht werden? Ich bin ja keine Gefahr. Aber bei den anderen bin ich mir nicht sicher! Nicht umsonst heißt es: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Kaum jemand wird behaupten, dass es gut und lohnenswert ist, selbst kontrolliert und überwacht zu werden. Und doch behalten wir die anderen gerne im Auge. Man weiß ja nie! Das gängige Menschenbild zeichnet Individuen, die ohne klare Regeln, ohne Überwachung, ohne Sanktionen und ohne Anreizen außer Kontrolle geraten. Das gilt für alle, nur nicht für sich selbst natürlich.

Dieses Menschenbild herrscht auch in den allermeisten Unternehmen vor. Ich würde ja schon richtig arbeiten, mich für das Unternehmen einsetzen, ganz ohne dass ich ständig kontrolliert werde. Aber die anderen…! Deshalb sind unsere Unternehmen NSAisiert. Und selbst die Überwachung und Überprüfung der Mitarbeiter wird regelmäßig überprüft. Dafür gibt es messbare Verfahren, Prozesse, Regeln. Als ob wir noch nicht mündige, erwachsene Menschen wären. Viele verhaltenspsychologische Studien haben gezeigt, dass nur ein ganz kleiner Prozentsatz der Menschen geschenktes Vertrauen grob missbrauchen. Und genau für diese 2% werden ordnerweise Regeln geschrieben, Kontrollen durchgeführt und bei guten Kontrollwerten Zertifikate ausgestellt. Ist es nicht an der Zeit, Mitarbeitern mehr Vertrauen zu schenken? Ist es nicht an der Zeit, dass Führungskräfte die anstrengende und zeitintensive Rolle des Leinenhalters zu Gunsten einer Rolle als Unterstützer, Berater und Vorbild ablegen?

Ich glaube nicht, dass es ganz ohne Regeln funktioniert. Aber ich bin überzeugt, dass fast jedes Unternehmen, wenn es darum geht zu Vertrauen, ein riesiges Steigerungspotential hat. Mehr Vertrauen heißt nicht nur zufriedenere Mitarbeiter, die sich wertgeschätzt fühlen und auch ihr Vertrauen dem Unternehmen zurück schenken, sondern ganz praktisch auch weniger Bürokratie, weniger Formulare, weniger Administration – kurz, mehr Zeit für sinnvolle, kundenorientierte Arbeit. Es braucht Mut, weniger zu kontrollieren und mehr zu vertrauen. Aber das Handhaben der wenigen schwarzen Schafe im Unternehmen ist ganz bestimmt einfacher und weniger zeitraubend als die Kontrolle aller. Ich bin überzeugt: Kontrolle wird maßlos überschätzt, Vertrauen ist viel besser. Ich wünsche mir Unternehmen, die ihren Mitarbeitern vollstes Vertrauen schenken – und zwar aus Prinzip und als Vorleistung.