Warum die meisten Unternehmen unbeabsichtigt Innovationstheater spielen

Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein kleines Restaurant in welchem Sie bis anhin immer nur Spaghetti gekocht haben. Die Teigwaren in das heisse Wasser gegeben, parallel dazu eine feine Sauce mit einer Tomatenbasis zubereitet und zum Schluss die fertigen Nudeln auf dem Teller mit der Sauce übergossen. Sie können dies hervorragend. Doch Sie bemerken, dass immer weniger Gäste den Weg zu Ihnen finden. Als Sie sich erkundigen, was der Grund dafür ist, erfahren Sie, dass immer mehr Restaurants in Ihrem Umkreis ein neues italienisches Gericht offerieren. Es heisst Pizza. Und diese Pizzen scheinen bei den Gästen sehr gut anzukommen. Was tun Sie? Klar, was die andern können, können Sie auch! Kann ja nicht so schwierig sein.

Sie schleichen sich an das Fenster einer Ihrer Konkurrenten und beobachten aus der Ferne, was in der Küche passiert. Was macht der Koch? Er scheint mit der Tomatensauce einen Kreis zu formen. Auf diesen roten Kreis legt er verschiedene Zutaten darauf. Oliven. Schinken. Dann noch etwas weisses... Käse? Ja, das wird Käse sein. Und zuletzt führt er diesen belegten Tomatengrund in eine kleine rauchende Öffnung. Sie warten noch einen kurzen Moment und sehen, dass der Koch diese Pizza nach wenigen Minuten wieder aus dieser Öffnung nimmt. Das Gericht scheint fertig zu sein. Ganz einfach...

Sie gehen zurück in Ihr Restaurant und bieten von nun an auch Pizzen an. Doch Ihnen gelingt keine einzige Pizza! Und dies obwohl Sie viel Geld für eine kleine rauchende Öffnung in Ihrer Küche ausgegeben haben. Blöd, dass Sie durch das Fenster bei Ihrem Konkurrenten nicht haben erkennen können, dass unter dem roten Tomatensaucen-Kreis ein Teigboden lag.

Was ist Innovationstheather? Von Innovationstheater spreche ich immer dann, wenn ein Unternehmen eine neue, vielversprechende und häufig teure Massnahme einführt, die entweder nach innen, nach aussen oder sowohl nach innen als auch nach aussen grosse Aufmerksamkeit generiert, aber dann doch nicht die erhoffte Wirkung erzielen kann. Es ist Innovationstheater, wenn ein Unternehmen zum Beispiel einen ganzen Raum zu einem „Design-Lab“ umfunktionieren lässt. Oder wenn das gesamte Kader für einige Tage in den Silicon Valley reist. Oder wenn der Vorstand eines Unternehmens plötzlich auf jung und cool machen möchte, damit sich auch die Mitarbeiter freier und kreativer fühlen. Es gibt etliche solcher Massnahmen. Und jede dieser Massnahmen hat eine gute Daseinsberechtigung. Es sind die Oliven, der Schinken und der Mozzarella auf der Pizza. Es sind die Massnahmen, die bei erfolgreichen Konkurrenten scheinbar zu funktionieren scheinen. Sie haben ja schliesslich aus der Ferne durch das Fenster geschaut und gesehen, dass da alle in Jeans und Hoodies in ihren Sitzsäcken sitzen.

Die meisten Unternehmen meinen es gut, wenn sie in solche Massnahmen investieren. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und sind sich bewusst, dass auch sie beginnen müssen mehr als kontinuierliche Verbesserungen zu produzieren. Also glauben sie, dass sie eine Crowdinnovation-Software oder ein Design-Thinking-Workshop plötzlich auch so innovativ machen, wie es diese gefürchteten Konkurrenten sind. Blöd nur haben die meisten Unternehmen übersehen, dass sich die erfolgreichen Innovatoren zuerst lange Zeit mit der Zusammensetzung, der Form und der Konsistenz des Teigbodens befasst haben, bevor sie die Pizza mit Oliven dekorieren.

Unternehmen in Deutschland und der Schweiz sind sich gewöhnt, ihre Produkte und Dienstleistungen immer und immer wieder zu perfektionieren und mit Qualität zu trumpfen. Darin belegen wir immer wieder Spitzenplatze auf der Weltbühne. Aber diese Kultur, diese Grundhaltung ist der falsche Teigboden für radikale Innovationen. In einer solchen Kultur wird keine einzige Pizza schmecken. Heute braucht es beides: Inkrementelle und radikale Innovationen. Yin und Yang. Aber wir müssen mit dem Teigboden beginnen. Schaffen wir das, so fruchten auch all die gut gemeinten Massnahmen.

 

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