Wenn der König meint sein Reich floriere – ein Plädoyer für die Wiedereinführung des Hofnarren

Rückblickend ist es nicht sehr überraschend. Damals, als der schnellste Kommunikationskanal die
Brieftaube war und „Breaking News“ Tage später persönlich überbracht wurden, war es schlicht nicht möglich, ständig über alle Gegebenheiten des eigenen Königreichs informiert zu sein. Doch obwohl sich seither vieles verändert hat, hat sich ein bestimmtes Problem – ein tief menschliches Problem – sehr gut für die Nachwelt erhalten: je weiter eine Information die Machtrangfolge emporsteigt, desto mehr wird sie geschönt. Der Freiherr wird dem Fürsten den Aufstand auf seinem Land als kleine Aufregung verkaufen, dieser wird dem Herzog gegenüber erzählen, dass bis auf einen nicht erwähnenswerten kurzen Zwischenfall alles bestens sei. Beim König kommt davon nichts mehr an.

Genau dies passiert überall da, wo Menschen in ihrer Funktion die Verantwortung für die Handlungen und Ergebnisse anderer tragen und gegenüber einer höhergestellten Instanz dafür gerade zu stehen haben. Nach unten bestrafen, nach oben so gut wie möglich verbergen. Die Geschäftsleitung großer Unternehmen muss für ihre strategischen Entscheidungen stets über alle Geschäftsbereiche informiert sein. Doch woher entnimmt sie ihre Informationen? Vom mittleren Management. Dieses hat aber jeden Grund, gegenüber der Geschäftsleitung so gut wie möglich da zu stehen. Also werden Memos, Berichte, Präsentationen lange auf Hochglanz poliert, Erfolge ins Zentrum gerückt und Fehlschläge zu Randnotizen degradiert. Was kann unternommen werden, um diesem logischen aber schädlichen Verhalten entgegen zu wirken?

Im humanen Unternehmen von morgen werden steile Hierarchien und das mittlere Management der Vergangenheit angehören. Die Geschäftsleitung wird sich ihr Bild über das Unternehmen nicht anhand von Memos und schöngeschliffenen Präsentationen, sondern durch den engen Kontakt zu den Mitarbeitern selber bilden – Informationsdokumente dienen nur noch zur finalen Kolorierung. Doch in den meisten Unternehmen ist es noch ein langer Weg bis zu einem solchen Geisteswechsel. Es könnte – als ersten Schritt Richtung Kulturwechsel – eine schnellere Lösung geben: die Wiedereinführung des Hofnarren.

Hofnarren hatten im Mittelalter oft neben der Aufgabe der Belustigung eine politische Funktion, in dem sie die einzigen waren, die dem absolutistischen Herrscher die Wahrheit übermitteln und einen Spiegel vorhalten konnten. Der Narr durfte dank seiner „Narrenfreiheit“ all die Dinge sagen, die andere Untergebene aufgrund des Zornesrisikos nicht zu sagen getraut hätten. Bis in das 18. Jahrhundert hinein war der Hofnarr ein fester Bestandteil an jedem größeren europäischen Hof und hatte als einziger die Möglichkeit, dem Monarchen unangenehme Fragen zu stellen und auf unbequeme Begebenheiten aufmerksam zu machen. Bei Betrachtung der heutigen Probleme und Auswüchse in großen Unternehmen drängt sich die Frage auf, ob es nicht wieder an der Zeit wäre, den Hofnarren wiederauferstehen zu lassen. Welche Geschäftsleiterin, welcher CEO wird den Mut aufbringen, die Stelle des Unternehmens-Hofnarren auszuschreiben?