5 Maßnahmen, die dein Unternehmen innovativ erscheinen lassen, allerdings nichts bringen*

 1. Die Mitarbeiter auffordern, Ideen in eine Ideensammelstelle einzugeben:

Eine solche Sammelstelle ist schnell eingerichtet. Allerdings braucht es einiges, bis die meisten Mitarbeiter wissen, dass es diese Sammelstelle gibt und was von ihnen verlangt wird. Wenn diese Maßnahme nicht gut durchgeplant ist, die Mitarbeiter nicht genau wissen, zu welchen Themen Ideen verlangt sind, keine Deadlines für die Ideeneingabe festgesetzt werden und ein kein schnelles sowie konstruktives Feedback für jede eingegangene Idee sichergestellt ist, verkümmert diese Maßnahme zu einem Zombie - einem lebenden Toten. Zudem ist es zentral, dass diejenigen Personen, welche die eingegangenen Ideen auswerten und entscheiden, was mit jeder einzelnen Idee gemacht wird, über einen „Punk Mindset“ verfügen (mehr dazu im zweiten Teil dieses Buches). Denn es werden Ideen eingereicht werden, die von der Art, dem Thema, der zeitlichen und praktischen Umsetzbarkeit, der benötigten Finanzierung, der Radikalität und der Klarheit ihrer Formulierung so verschieden sind, dass selbst geübte Innovationsmanager Mühe damit haben, hier eine Auswahl zu treffen.

2. Einen Innovationsprozess etablieren, bei welchem die Geschäftsleitung darüber entscheidet, welche Ideen weiterverfolgt werden und welche nicht.

Ja, wenn es darum geht zu entscheiden, in welche Ideen viel Geld und Zeit investiert werden soll, scheint es logisch zu sein, die Entscheidung dem Top-Management zu überlassen. Für die Überlebenschance von Innovationen, insbesondere für die Radikalen, ist es von zentraler Bedeutung, dass die Geschäftsleitung voll und ganz hinter den Bestrebungen steht. Deshalb entscheiden sich viele Innovationsmanager den firmeninternen Innovationsprozess so auszulegen, dass die wichtigen Entscheidungen, also die bei denen es um die Geld- und Ressourcenvergabe geht, von ganz oben getroffen werden. Zwei Faktoren sprechen allerdings dafür, dass diese Maßnahme absolut nichts bringt. Erstens ist die Geschäftsleitung sehr gut darin, die kleinst möglichen Risiken einzugehen für einen höchst möglichen und zeitnahen Gewinn. Bei Innovationen spricht dies für das Überleben von ganz kleinen Verbesserungen bestehender Lösungen oder aber für das Kopieren einer irgendwo anders gesehenen Lösung. Wir sagen nicht, dass man diese Projekte nicht durchführen soll, viel mit echter Innovation haben diese allerdings nicht gemein. Je radikaler eine Idee ist, desto grösser ist das Risiko einer Umsetzung und - in der Regel - desto weiter in der Zukunft ist ein Gewinn erkennbar. Somit wird mit dieser Maßnahme allen radikalen Innovationen die Chance geraubt, überhaupt seriös ausprobiert zu werden. Der zweite Faktor ist der, dass der Geschäftsleitung für eine gute Entscheidung sehr viele Informationen fehlen. Radikalen Innovationen brechen mit Konventionen und sind per Definition konterintuitiv. Wird nun dem Ideengeber nun ein Zeitfenster von 5 bis 30 Minuten gegeben, in welchem er die Idee zum ersten Mal einem Entscheidungs-Gremium vorstellen muss, fehlt diesem die Zeit die Idee wirklich durchzudenken. Denn eigentlich wäre es für die Idee ein gutes Zeichen, wenn die Entscheidungsträger sagen, ihre Intuition spricht gegen diese Idee.

3. Eine Innovations-Software einführen für mehr „Crowd Innovation“ und „Open Innovation“:

Es gibt immer mehr von ihnen. Programme, die Innovationsbestrebungen unterstützen sollen. Mit ihnen können Ideen-Kampagnen durchgeführt werden, Ideen mit virtuellen Teams weitergetrieben oder gar Personen außerhalb des Unternehmens für die Ideenfindung mit eingebunden werden. Das schöne an diesen Softwares ist, dass wenn sich ein Unternehmen dazu entschieden hat (viel) Geld für ein solches Programm auszugeben, es danach ein „normales“ Projekt daraus machen kann. Die Software muss großflächig installiert und die Schnittstellen zur bestehenden IT-Infrastruktur gewährleistet werden, danach kommt die Einschulung einiger Mitarbeiter, die Durchführung eines Testdurchgangs, etc. Dies alleine braucht schon viel Zeit und Geld, aber es sind Ressourcen, die das Unternehmen auf das „Innovations-Konto“ verbuchen kann (Im Sinne von „Ja, wir machen so einiges in Richtung Innovation“). Wenn das Ganze dann ins Laufen kommt, führt eine solche Software leider dazu, dass ein Großteil der Aufmerksamkeit, die den radikalen Innovationen und deren Umsetzung gewidmet werden sollte, dem Werkzeug (der Software) gewidmet wird. Ein gutes Beispiel für einen solchen Effekt ist PowerPoint. Wer kennt es nicht: Man weiß im Kopf bereits genau was man auf den Slides haben möchte, aber das Werkzeug lässt sich nicht so bedienen, wie man es gerne möchte. Also verbringt man Stunden und Tage mit der Übersetzung der eigenen Vorstellung in ein Programm und gibt somit einen großen Teil der Aufmerksamkeit fürs Falsche weg.

4. Innovationsteams in kreative Workshops senden:

Das Angebot ist groß, der Aufwand überschaubar. Denn meistens dauern diese Anlässe einen halben Tag bis maximal eine Woche. Die Workshops versprechen, dass sie den Teams beibringen schneller kreativer zu werden, Sitzungen effizienter abzuhalten, Geschäftsmodelle neu zu denken oder ihre Ideen besser zu präsentieren. Sie sollen Teams neue Innovationsprozesse - wie Design Thinking, Lean Startup, etc. - beibringen und dadurch die Innovationsfähigkeit des Unternehmens steigern. Das Problem liegt nicht darin, dass diese Workshops schlecht sind. Sehr viele sind im Gegenteil hervorragend, überraschend und inspirierend. Das Problem ist vielmehr ihre punktuelle anstatt anhaltende Wirkung. Angenommen, der Workshop ist großartig, da er von einem erfahrenen und versierten Moderator durchgeführt wird, dann ist es genau das anschließende Fehlen dieser Moderatorenrolle, welche verhindert, dass die Motivation und der Wille danach innovativer zu sein erhalten bleibt. Da sich auf der anderen Seite die Workshop-Moderatoren der kurzzeitigen Wirkung bewusst sind und genau wissen, dass ein kurzweiliger und unterhaltsamer Workshop die wirksamste Mund-zu-Mund-Propaganda ist und somit zu weiteren Aufträgen führt, werden Workshops leider oft auf ihre Unterhaltungswirkung und nicht auf die Wirksamkeit der Themen hin optimiert. Mit anderen Worten: möchte ein Unternehmen Mitarbeiter mit einem angenehmen Tag abseits des Tagesgeschäftes in einer kreativen Atmosphäre belohnen, sind solche Workshops ideal. Möchte ein Unternehmen hingegen innovativer werden, sind solche Impulstage Tropfen auf den heißen Stein.

5. Startup-Scouting betreiben:

Man kann es großen Unternehmen nicht übel nehmen, schließlich hört man es ja immer wieder: die großen Innovationen kommen von den Startups. Ja, viele radikale Innovationen haben wir tatsächlich Startups zu verdanken. Aber nur weil regelmäßig unbekannte Sängerinnen und Sänger fast über Nacht zu Superstars werden, heißt dies nicht, dass jede Person, die vor sich hin singt auch groß herauskommt. Es gibt Startups wie Sand am Meer und die überwältigende Mehrheit wird nie zum fliegen kommen. Diese schiere Masse an Startups macht es für große Unternehmen schwierig und zeitintensiv auch nur einen ungefähren Überblick zu behalten. Nehmen wir aber einmal an, dass ein Unternehmen dieses Scouting gut beherrscht und hie und da einen Rohdiamanten in der Sandwüste findet. Was dann? An diesem Punkt haben etablierte Unternehmen häufig ein Problem, denn sie verfolgen ganz andere Ziele als die Startups, die sie auf ihrem Radar führen. Startups suchen in erster Linie finanzielle Unterstützung, einen guten Zugang zum Markt oder Hilfe bei Tätigkeiten, die nicht zu ihrem Kerngebiet gehören. Auch für Ratschläge sind Startups sehr offen, nicht aber für einen großen Bruder, der direkt oder indirekt das Ruder übernimmt. Etablierte Unternehmen auf der anderen Seite haben ein großes Interesse daran schnellen Umsatz zu sehen. Und hierfür möchten sie vielversprechende Ideen am liebsten mitgestalten können. Hier taucht zum wiederholten Mal das Problem auf, dass radikale Innovationen die richtige Denkweise und Kultur voraussetzen. Möchten etablierte Unternehmen mit Startups kollaborieren, müssen beide Seiten über diesen Mindset verfügen. Jetzt seien wir einmal sehr optimistisch und gehen davon aus, dass dieses Mindset auf beiden Seiten vorhanden ist. Dann kann eine Kollaboration durchaus zu einem Innovationsschub führen, kommt sie ja gerade wegen einer radikalen Lösung eines Startups zustande. Doch zumeist ist dann die Zusammenarbeit auch nur gerade auf diese eine Lösung ausgerichtet. Für die nächste radikale Innovation müsste dann eine neue Zusammenarbeit mit einem weiteren Startup lanciert oder ein weiteres Startup aufgekauft werden. Es wird also klar: ein Scouting alleine bringt nichts.

 

*Alle diese Maßnahmen können für Unternehmen einen großen Mehrwert bringen. Allerdings nicht, wenn sie isoliert eingeführt werden und ohne dass die lange und mühsame Umsetzungsphase wirklich in Betracht gezogen wurde - und dies kommt leider sehr oft vor. Der Grund hierfür ist, dass es für alle oben genannten Maßnahmen relativ einfach ist Unterstützung vom Management zu erhalten. Doch die unschöne Wahrheit ist: Innovation ist kein Must-Have-Accessoire, welches man für viel Geld aber ohne großen Aufwand ersteigern und dann allen zur Schau stellen kann. Innovationen - vor allem die der radikalen Art - sind mit viel Schweiß und Arbeit verbunden, mit Enttäuschungen, Scheitern und vor allem mit einer veränderten Kultur und Denkweise. Für Unternehmen, die sich auf den Weg machen wirklich radikal innovativ zu werden, gibt es keine einfache Abkürzung. Denn es ist keine Frage des richtigen Prozesses oder der richtigen Werkzeuge - es ist eine Kunst.

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