Was radikale Unternehmenseinheiten anders machen

Unter Avantgarde werden Bewegungen verstanden, die nach vorne blickend die Zukunft gestalten möchten und sich durch besondere Radikalität gegenüber dem Status Quo und den vorherrschenden Normen auszeichnet. Jedes Unternehmen, welches auf radikale Innovationen setzen möchte, braucht eine Avantgarde Abteilung. Es handelt sich dabei um eine Innovationszelle mit dem einzigen Ziel radikale Innovationen zu entwickeln. Diese werden in der Avantgarde Abteilung so lange grossgezogen, bis sie entweder in die bestehenden Unternehmensprozesse zurückgeführt oder ausgelagert zu Ende gebracht werden. Die Avantgarde Abteilung unterscheidet sich in mehreren Hinsichten von anderen Abteilungen.

1. Autonomie

Der grösste und wichtigste Unterschied ist der, dass die Avantgarde Abteilung keine Abhängigkeiten zum restlichen Unternehmen hat. Sie fungiert als eigenständige Einheit, als ob es sich um ein eigenes Unternehmen handeln würde. In gewissen Fällen macht es sogar Sinn für diese Innovationszelle eine neue Rechtsform zu bestimmen. Die Avantgarde Abteilung kann metaphorisch als Burg mit Geheimgang umschrieben werden. Es gibt in jedem Unternehmen zahlreiche Personen, die ein emotionales oder praktisches Interesse daran haben, dass sich grosse neue Ideen als falsch herausstellen. Die Avantgarde Abteilung muss einen Burggraben bauen, so dass diese Personen nie zu nahe kommen können. Wer darf den Geheimgang zur Burg benutzen? Nur die Unterstützer an der Unternehmensspitze.

2. Unterstützung von ganz oben

Ein zweiter, ebenfalls sehr wichtiger Unterschied zu gängigen Abteilungen ist der Rückhalt vom Top-Management. Die Geschäftsleitung muss nicht nur wissen, dass sie eine Avantgarde Abteilung hat und die Person, die für diese Abteilung verantwortlich ist persönlich kennen, sondern auch genau verstehen, was die Geschäftsleitung tun kann, um radikale Innovationen zu fördern. Das Top-Management ist die einzige, wenn auch möglichst rare direkte Schnittstelle vom Mutterunternehmen zur Innovationszelle.

3. Teamzusammensetzung

Ein dritter Unterschied zu üblichen Abteilungen ist deren Zusammensetzung. Die allermeisten Abteilungen bestehen aus Experten auf ein und demselben Gebiet. In der Innovationszelle treffen Personen aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten aufeinander. Es ist sogar von Vorteil, wenn einige Mitglieder der Avantgarde Abteilung wenig bis gar nichts über die Produkte oder Dienstleistungen des eigenen Unternehmens wissen, um eine möglichst unvoreingenommene, radikale Lösungsfindung zu ermöglichen. Aus Erfahrung wissen wir, dass Unternehmen sehr oft glauben, dass grosse Innovationen eher von ausserhalb ihrer Organisation kommen werden, obwohl sie die nötigen Querdenker innerhalb ihrer Organisation haben. Leider prallen Menschen mit ganz verschiedenen Backgrounds in einer starren Hierarchie- und Silostruktur höchst selten aufeinander, sodass dieser magische Moment einer radikal neuen Kombination verschiedener Ideen ausbleibt. In der Avantgarde Abteilung prallen diese unterschiedlichen Welten gewollt aufeinander und bringen ungeahnte Lösungen zu Tage.

Bevor wir zum nächsten Unterschied kommen, möchten wir noch ein paar Worte zu den sogenannten „Fachexperten“ verlieren. Viele Unternehmen glauben, dass sie für Innovationen auf Experten aus ihrer Branche setzen müssen. Egal ob es sich dabei um firmeninterne Experten oder externe Berater handelt, Fachexperten sind die letzten, die man um Rat bitten soll, möchte man radikal innovieren. Denn eine radikale Innovation bricht schon fast per Definition mit einigen lang geglaubten Regeln. Und es sind genau diese Fachexperten, welche die Regeln kennen und verteidigen. Ein Experte ist eine Person, die sehr viel über sehr wenig weiss. Für die Avantgarde Abteilung sollten aber Personen gefunden werden, die genug über sehr vieles wissen.

4. Unternehmenskennzahlen

Ein vierter Unterschied - und dies wird alle Betriebswirtschaftler nervös machen - ist der minimalistische Umgang mit Unternehmenskennzahlen. ROI, EBIT, KPI’s und alle ihre Verwandten haben in der Avantgarde Abteilung vorerst nichts verloren. Ein Startup beginnt in der Regel ja auch nicht damit, als erstes seinen angestrebten Return on Capital Employed (ROCE) festzulegen, bevor es sich völlig in die Entwicklung ihrer Idee vertieft. Wir behaupten nicht, dass Kennzahlen für radikale Innovationen per se schlecht sind, allerdings braucht jede Avantgarde Abteilung Zeit um zu definieren, welche Kennzahlen für sie passend sind. Dies kann ohne weiteres 12 bis 18 Monate in Anspruch nehmen, in denen die Innovationszelle ganz ohne Kennzahlen funktioniert. Danach ist es vor allem für die Akzeptanz der Sponsoren (Geschäftsleitung) wichtig, dass die Avantgarde Abteilung messbare, wenn auch eher weiche Ziele definieren kann.

5. Vision

Und der letzte grosse Unterschied ist der "Moonshot"-Mindset der Avantgarde Abteilung. Am 25 Mai 1961 hat John F. Kennedy dem Kongress erklärt, dass er zusätzliche 7-9 Milliarden Dollar für sein Raumfahrtprogramm brauche. Sein Ziel lautete: „Ich glaube, dass sich die Vereinigten Staaten das Ziel stellen sollten, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu landen und ihn wieder sicher zur Erde zurückzubringen.“ Nach dieser Rede dauerte es gut 8 Jahre bis die Apollo 11 mit Neil Armstrong, Edwin "Buzz" Aldrin und Michael Collins auf dem Mond landete. John F. Kennedy hatte eine tollkühne Vision, eine Geschichte, die 1961 nach Science-Fiction klang. Und genau solche tollkühnen Visionen muss die Avantgarde Abteilung formulieren. Sie müssen grosse Probleme anvisieren und versuchen, diese zehn Mal besser zu lösen, als sie heute schon gelöst werden. Die Avantgarde Abteilung beginnt nicht damit, eine neue Technologie auszuloten, sondern damit, eine Geschichte der Zukunft zu erzählen, die heute noch sehr weit weg von jeglicher Machbarkeit scheint, allerdings durch einen neuen Blickwinkel plötzlich viel näher als je zuvor erscheint. Wir schauen uns den Innovationsprozess innerhalb einer Avantgarde Abteilung etwas später im Buch vertieft an. Denn es braucht selbstverständlich mehr als bloss eine tollkühne Vision.