Radikale Innovation ≠ Digitalisierung. Und Digitalisierung ≠ Disruption

Etablierte Unternehmen, die seit mehreren Jahrzehnten Bestand haben, scheinen die Begriffe Digitalisierung und Industrie 4.0 für sich Entdeckt zu haben. Alle reden sie über die digitale Revolution. Nur ist es so, als ob sie den Begriff „Katze“ verwenden und selbst nicht genau wissen, ob sie damit eine bedrohliche Raubkatze oder schnurrende Hauskatze meinen. Wird an Konferenzen und Firmenanlässen von Digitalisierung gesprochen, kann fast darauf gewettet werden, dass mindestens einer der Namen Airbnb, Uber oder Netflix fällt. Dabei wird Digitalisierung mit einem neuen, modernen Geschäftsmodell, mit Plattformtechnologien und radikalen Innovationen gleichgesetzt. Wird Digitalisierung allerdings innerhalb dieser etablierten Unternehmen in konkreten Projekten zum Ziel gesetzt, fühlen sich diese Unternehmen bereits „digitalisiert“, wenn sie eine App mit ihrem Website-Inhalt entwickeln oder ihre Produkte neu in einem Onlineshop anbieten.

Ja, die Digitalisierung erlebt einen Siegeszug. Aber Digitalisierung sollte nie zum Ziel erklärt werden. Digitalisierung ist oft die logische Schlussfolgerung, wenn sich Unternehmen ernsthaft in die Schuhe ihrer Kunden versetzen, wenn sie fragen, wie können wir unseren Kunden einen Mehrwert bieten. Und ja, viele radikale Innovationen warten mit Lösungen auf, die durchaus in die Kategorie der Digitalisierung passen. „Internet of Things“, „Machine Learning“, „Cloud“ und „Blockchain“ sind immer häufiger zentrale Bausteine radikaler Innovationen. Aber Mehrwert schaffen kann und muss nicht durch Digitalisierung geschehen. Genau so wenig müssen radikale Innovationen immer mit Apps, Plattformen und Software zu tun haben.

Es stimmt, dass viele der bekannten Disruptoren unserer Zeit ihren Erfolg mit digitalisierten Geschäftsmodellen erzielt haben. Allerdings haben auch sie in erster Linie ein unbefriedigtes Kundenbedürfnis erkannt und nach der besten Lösung gesucht. Es erstaunt nicht, dass die Möglichkeiten des digitalen Fortschritts viele für Kunden einfachere und bessere Lösungen hervorbringen. Aber auch hier ist die Technologie immer nur Mittel zum Zweck.

Digitalisierung ist ein Nebenprodukt aus der sorgfältigen Auseinandersetzung mit den Kundenbedürfnissen. Menschen verändern ihre Gewohnheiten, sobald neue Lösungsansätze und Technologien ihnen das Leben vereinfachen. Zu Beginn ist eine solche Veränderung nur vereinzelt wahrzunehmen, doch ändern immer mehr und mehr Menschen ihr Verhalten, wird dies zu einem wahren Bedürfnis. Hier frühzeitig Schritt zu halten muss das Ziel unserer Unternehmen sein.

Machen Sie also nicht den Fehler und betrachten alles durch die Digitalisierungs-Brille. Denn so legen Sie sich selbst Scheuklappen zu. Achten Sie stattdessen auf die leichten Veränderungen im Umgang ihrer Kunden mit verschiedenen Technologien. Es ist dieses veränderte Kundenverhalten und -bedürfnis, mit dem Sie Schritt halten müssen - nicht mit der Digitalisierung.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Buch: "Hört auf vorzugeben, innovativ zu sein - Die Kunst der radikalen Innovation", welches bald erscheint.