Kultur: Der wichtigste und zugleich schwammigste Faktor für radikale Innovationen

Es ist vor allem die Kultur, die innovative Vorhaben voranbringt oder erstickt. Denn Kultur setzt uns einer mentalen Programmierung aus, der wir uns nur teilweise bewusst sind und kaum entziehen können. Ein Unternehmen kann sich Innovation groß auf die Fahne schreiben, es in die Vision aufnehmen, die Mitarbeiter in den neusten Innovationsmethoden schulen, das Management ins Silicon Valley entsenden und externe Unterstützung holen, wenn aber im Unternehmen eine innovationsfeindliche Kultur vorherrscht ist dies alles vergebene Mühe. Und aus dem Fenster geworfenes Geld. Umgekehrt kann ein Unternehmen mit einer experimentierfreudigen, neugierigen und weitsichtigen Kultur fast schon ohne spezielle Prozesse, Methoden und Modelle zur Innovationsvorreiterin avancieren.

Mit der Kultur gibt es allerdings ein klitzekleines Problem: Sie ist nicht greifbar. Was genau ist Kultur? Und wie entsteht sie? Wie lässt sie sich verändern? Wir nehmen die Kultur zwar wahr, sobald wir ein bisschen Zeit in einem Unternehmen verbringen, wirklich beschreiben können wir eine Kultur aber nur selten. Kultur ist einfach da. Sie umgibt uns und bereitet den Boden für Entscheidungen und Handlungen. Jede Kultur hat ihre Besonderheiten und gibt den Angehörigen eine Orientierung. Wo Menschen über längere Zeit miteinander interagieren, da entsteht Kultur. Ähnlich wie bei verschiedenen Atomen, die aufeinandertreffen, sich je nach Anzahl und Ausprägung zu ganz unterschiedlichen Molekülen zusammenschließen und so ungleiche Materialien bilden. Einmal entsteht eine stahlharte Struktur, die keinerlei Bewegung zulässt. Eine andere Konstellation führt zu einer dickflüssigen Substanz, die Veränderungen nur in Zeitlupe gestattet. Wohingegen eine weitere Zusammensetzung zu einer flexiblen, nur lose zusammenhängenden Gaswolke führt, die sich agil neuen Situationen anpassen kann.

Da wir Menschen nicht über einen längeren Zeitraum zusammen arbeiten können, ohne dass dabei eine Kultur entsteht, sollte es für jedes Unternehmen eine Top-Priorität sein, diese positiv zu formen. Was aber sind die Atome der Kultur? Wann festigt sie sich? Was macht sie aus? Es sind die Werte und Normen der einzelnen Personen, welche die Kultur ausmachen. Es ist der Kommunikationsstil sowie die Art und Weise, wie man „Dinge bei uns macht“. Es sind die ungeschriebenen Regeln einer Gruppe.

Wir alle bringen bereits Werte und Normen mit uns. Interessanterweise sind wir aber sehr gut darin, diese bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Zwar fühlen wir uns nur dann in einer Gruppe richtig wohl, wenn die vorherrschende Kultur die eigenen Werte und Normen widerspiegelt. Ist dies aber nicht der Fall, tauschen wir dennoch einen gewissen Anteil unseres Wohlergehens gegen die Kulturkonformität ein. Und Mitarbeiter, die sich im Arbeitsumfeld nicht wirklich wohl fühlen, können auf Dauer nicht ihr ganzes Potential ausschöpfen.

Was bedeutet dies für unsere Unternehmen? In erster Linie bedeutet es, dass sich das Topmanagement bewusst machen muss, welche Kultur in ihrem Unternehmen zurzeit vorherrscht und welche Kultur es sich wünschen würde. Danach muss sich die Geschäftsleitung fragen, welche Normen, Werte und ungeschriebenen Regeln nötig wären, um die gewünschte Kultur zu formen. Diese müssen vom Topmanagement aktiv vorgelebt werden. Gleichzeitig sollen Maßnahmen definiert werden um auch die Mitarbeiter in die neue Richtung zu „stupsen“. Das Vorleben und das Stupsen bringt wesentlich mehr, als alle Mitarbeiter an einem firmeninternen Anlass auf die neue Kultur einstimmen zu wollen. Solche „Ab-Jetzt-Wird-Alles-Anders-Veranstaltungen“ sind zwar der wesentlich einfachere Weg, leider aber häufig konterproduktiv. Auch taugen vorgedruckte und überall aufgehängte „Unsere-Kultur-Poster" nichts. Die Mitarbeiter merken sofort, wenn von ihnen etwas verlangt wird, das vom Vorstand selbst nicht eingehalten wird. Als nächstes muss die Rekrutierung neuer Mitarbeiter überarbeitet werden. Achten Unternehmen bei der Rekrutierung nicht auf die Werte, Normen und die Denkhaltung neuer Kandidaten - und das ist die Regel - dann entwickelt sich die Kultur fast schon zufällig in irgendeine Richtung weiter.

Möchte ein Unternehmen wirklich innovativ sein, so muss es sich mit dem schwammigen Thema der Kultur befassen. Kultur ist komplex. Sie lässt sich nicht in einen 5-Punkte-Plan zerlegen und die Arbeit an ihr hört nie auf. Aber mit Methoden und Prozessen alleine ist noch kein Unternehmen innovativ geworden.

 

Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Buch: "Hört auf vorzugeben, innovativ zu sein - Die Kunst der radikalen Innovation", welches bald erscheint.