Innovation Reloaded: Wir müssen Innovation neu denken

Wir alle, die schon einmal die Forderung nach mehr Innovation geäußert haben oder selbst damit beauftragt wurden innovativer zu sein, wir alle haben ein Konzept in unseren Köpfen, was Innovation ist. Ich stelle hier die provokante Behauptung auf, dass das vorherrschende Konzept falsch ist. Und fordere deshalb ein „Innovation Reloaded“. Es braucht eine neue Betrachtung von Innovation.

Wie komme ich auf diese haarsträubende Behauptung? Wie kann es sein, dass unser Konzept von Innovation, einem derart oft verwendeten Wort, falsch ist? Mein Argument beruht auf zwei Beobachtungen. Erstens auf die „Vermischung von Ursache und Wirkung“ und zweitens auf unsere „Vorliebe für Abkürzungen, Bilder und Geschichten“. Aber schön der Reihe nach:

Die Vermischung von Ursache und Wirkung

Angenommen Sie treffen eine ehemalige Kollegin zum Kaffee und sie erzählt Ihnen: „Mein neuer Arbeitgeber ist sehr innovativ.“ Was meint sie damit und was stellen Sie sich darunter vor? Heißt das, dass dieses Unternehmen viele innovative Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringt? Oder heißt es lediglich, dass das Unternehmen viel unternimmt um Innovationen zu entwickeln? Ist Innovation für Sie ein innovatives Ergebnis oder ist es der Weg dahin? Wahrscheinlich beides. Und zwar wechselt es die Bedeutung je nach Kontext. Lesen wir an einem Unternehmensforum den Vortragstitel: „Innovationen aus unserem Unternehmen“, dann erwarten wir Lösungen vorgestellt zu bekommen, die begeistern. Lautet der Vortragstitel an einem internen Firmenanlass allerdings „Innovation in unserem Unternehmen“, dann können wir davon ausgehen, dass wir Erläuterungen zu Prozesse, Schnittstellen und Verantwortlichkeiten zu hören bekommen. Selbst in der Fachliteratur herrscht darüber keine Einigkeit, ob der Begriff Innovation die Ursache oder die Wirkung beschreiben soll. Uns ist dies im Alltag egal. Wie meine zweite Beobachtung allerdings zeigt, bleiben uns vor allem die bekannten Innovationen als Ergebnisse haften und lassen uns vergessen, wie schwierig der Weg dorthin gewesen sein muss.

Unsere Vorliebe für Abkürzungen, Bilder und Geschichten

Ähnlich wie ein Internetbrowser arbeitet unser Gehirn mit einem Verlauf. Nur dass unser Gehirn vor allem diese Erinnerungen langfristig im Verlauf speichert, welche mehrmals vorkommen oder uns einen großen Mehrwert geben. Dieser Verlauf arbeitet mit Mustern, welche einmal angelegt als Abkürzungen dienen. Wir versuchen bewusstes, angestrengtes Nachdenken so oft es geht zu vermeiden. Wenn immer möglich fällen wir Entscheidungen mit Hilfe der Muster in unserem Verlauf. Auch wenn die Muster oft nicht zu hundert Prozent zur jeweiligen Situation passen, ein Ungefähr ist allemal besser als ein anstrengendes Ganz-sicher. Gleichzeitig liebt unser Gehirn Bilder. Die einfachste Art Muster zu bilden funktioniert mit Bildern und kurzen Geschichten. Die meisten von uns, die schon einmal mit Innovation in Berührung kamen, haben dazu Bilder oder kurze Geschichten abgelegt. Z.B. diejenige von Johannes Gutenberg mit dem Buchdruck, von Thomas Alva Edison und seiner Glühbirne, von Apple und dem iPhone oder von Travis Kalanick mit Uber. Es sind die erfolgreichen Innovationen und nicht deren mühselige Entwicklung die uns in Erinnerung bleiben. Es sind auch nicht all die gescheiterten Innovationen, zu denen unser Gehirn eine Abkürzung bildet. Und unsere Vorliebe für Geschichten konstruiert - wenn überhaupt - eine logische Abfolge von Handlungen und Ereignissen, die zur Entstehung dieser Innovationsikonen geführt haben. Es suggeriert: „Es braucht eine gute Idee, dann einen passenden Plan und zum Schluss deren Umsetzung“. So einfach ist das.

Diese zwei Beobachtungen führen dazu, dass viele von uns glauben, innovieren sei einfach. Sie führen dazu, dass wir annehmen die kreativen Ideen seien das A & O. Und wir gehen fälschlicherweise davon aus, dass jede Person durch einen halbtägigen Crash-Kurs in Innovation sogleich dazu imstande ist das nächste iPhone zu kreieren. Hier wird Innovation mit Kreativität verwechselt. Wir sind alle kreativ und mit den richtigen Impulsen und dem geeigneten Umfeld kann in einem halben Tag tatsächlich unglaubliches entstehen. Aber Innovation ist viel mehr als Kreativität. Es ist auch mehr als ein gelungenes Ergebnis. Es gibt keine Abkürzung, keine einfache Geschichte, die zu Innovationen führt. Es ist eine völlig andere Art der Problemlösung als wir es aus der Managementtheorie gewohnt sind. Innovation - vor allem die der radikalen Art - ist nicht linear, sie ist chaotisch, sich wiederholend und hat einen offenen Ausgang. Diese ungewohnte Vorgehensweise, die aus einer Aneinanderreihung von Suchen (kreative Denkweise) und Testen (analytische Denkweise) besteht, passt in kein Tagesgeschäft. Innovation muss verstanden werden. Innovation ist verdammt schwierig.

„Wie kommt es, dass Startups auf der ganzen Welt mit innovativen Geschäftsmodellen, Produkten und Dienstleistungen für Schlagzeilen sorgen? Diese häufig noch sehr jungen Unternehmer haben sich schließlich auch nicht vertieft mit Innovationen auseinandergesetzt!“ Stimmt. Aber Startups bieten von sich aus den idealen Rahmen für das nötige Vorgehen. Nach einer anfänglichen kreativen Phase folgt fast schon automatisch die analytische. Hat die Idee nicht den erhofften Erfolg muss das junge Unternehmen noch einmal in die kreative Phase übergehen, oder das Unternehmen stirbt. Es ist das Umfeld dieser einen Chance, die aus uns Menschen Innovatoren schafft. Ohne dieses Umfeld ist Innovation nicht unmöglich, aber sehr viel schwieriger.

„Innovation Reloaded“. Meine Forderung lautet deshalb: Innovation ist ein schwieriger und für die meisten von uns ungewohnter Weg. Innovation als ein Ergebnis zu betrachten und von den Mitarbeitern ohne vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Taten zu verlangen, führt auf allen Seiten zu Frustration. Wir müssen einsehen, dass Innovation komplex, mehrschichtig und wesentlich schwieriger ist, als vielerorts geglaubt. Wer dies erkennt, ist offen sich neu mit der Kunst der Innovationen zu befassen und wird die Welt der Innovation mit ganz anderen Augen sehen.

 

Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Buch: "Hört auf vorzugeben, innovativ zu sein - Die Kunst der radikalen Innovation", welches bald erscheint. Hier können Sie sich für eine Vorabversion bewerben.