Warum die Forderung nach mehr Innovation oft das Gegenteil bewirkt

Wenn das Problemkind die volle Aufmerksamkeit bekommt, leidet die fleißige Schwester darunter

In jedem Unternehmen gibt es Leute, die sich regelmäßig damit beschäftigen Prozesse, Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Ihnen ist zu verdanken, dass Ihre Produkte schneller und günstiger hergestellt werden, die Dienstleistungen genauer zu den Kundenbedürfnissen passen, Prozesse einfacher und effizienter werden. Häufig werden diese Verbesserungen von Vielen gar nicht bemerkt. Und doch sind sie für jedes Unternehmen Gold wert.

Dass wir heute in einer Zeit leben, in der kleine Verbesserungen alleine nicht mehr genügen, dessen sind sich immer mehr Unternehmen bewusst. Und dies führt dazu, dass Innovation in vielen Vorstandszimmern zum Fokusthema und zur gewünschten Kernkompetenz erhoben wird. Ich bewundere die Motivation mit der viele Geschäftsleiter an dieses Thema herangehen. Doch dieser starke Fokus auf Innovationen kann eine ungewollte und gegenteilige Auswirkung hervorrufen.

Stellen wir uns die inkrementelle, schrittweise Innovation, die von unseren Unternehmen oft schon gut beherrscht werden, und die radikale Innovation, also die Suche nach dem "Next Big Thing", als zwei ungleiche Schwestern in einer vorwiegend glücklichen Familie vor. Erstere - die ältere Schwester namens Inke - ist ein in der Schule stets fleißiges Mädchen, welches konstant gute Leistungen erbringt. Letztere - die jüngere Rahel - ist das Problemkind, in welches die Eltern aber große Hoffnungen stecken. Sie solle hochbegabt sein, hieß es. Nur wissen die Eltern noch nicht worin. Bisher hat Rahel auf jeden Fall noch nicht zum guten Ruf der Familie beigetragen, nein, sie droht diesen sogar zu ruinieren. Nun stellen wir uns weiter vor, wie sich die ältere Schwester fühlen muss, wenn ihre Eltern mindestens einmal wöchentlich beim gemeinsamen Abendessen betonen, wie wichtig es ist so zu sein wie die jüngere Schwester! Anfänglich gibt sich Rahel in der Schule noch mehr Mühe in der Hoffnung, die Eltern würden dies wertschätzen. Bleibt diese Wertschätzung allerdings aus, so gibt sie irgendwann innerlich auf. Sie fühlt sich nicht geliebt, nicht wichtig. Warum sich also weiterhin anstrengen?

Unternehmen sollten aufpassen, wo, wann und wie sie radikale Innovationen einfordern. Auch ich glaube daran, dass Rahel hochbegabt ist. Diese Begabung aber forcieren zu wollen und die jüngere Tochter in den Fokus der Aufmerksamkeit zu setzen, ist für beide Schwestern schlecht. Die firmenweite Forderung nach mehr Innovationen kann dazu führen, dass die überlebenswichtigen inkrementellen Innovationen weniger werden.

Ich bin froh, dass die Eltern unserer fiktiven Familie so hinter ihrer jüngsten Tochter stehen. Die Ältere braucht aber womöglich mehr Aufmerksamkeit als die Jüngere. Letztere braucht vor allem eins: Freiraum.

 

Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Buch: "Hört auf vorzugeben, innovativ zu sein - Die Kunst der radikalen Innovation", welches bald erscheint. Hierkönnen Sie sich für eine Vorabversion bewerben.

Sollten Sie an Ihrem Unternehmensanlass oder an einer Konferenz einen Vortrag zu diesem Thema wünschen, dann finden Sie hier alle Informationen dazu.