Warum der „Global Innovation Index“ für die DACH-Region gefährlich ist

Stellen Sie sich vor, Sie kommen eines Abends nach Hause, leeren den Briefkasten und finden darin einen Brief mit der Auswertung des Stromverbrauchs pro Kopf Ihrer gesamten Nachbarschaft. Und siehe da, Sie belegen dabei - mit dem geringsten Stromverbrauch - den ersten Rang! Die Studie kommt für Sie überraschend, weshalb Sie sich bezüglich Ihres Stromverbrauchs nicht mehr Mühe gegeben haben als in den vergangenen Jahren. Dieses Resultat freut Sie natürlich - aber werden Sie dadurch in Zukunft noch stärker darauf achten, Ihren Stromverbrauch zu senken?

Vor rund einer Woche wurde die neueste Innovationsrangliste im rund 450 -seitigen „Global Innovation Index“-Bericht veröffentlicht. Seit 2007 bewerten die Cornell University, INSEAD und die World Intellectual Property Organization gemeinsam mit weiteren Organisationen und Institutionen darin die Innovationsstärke fast aller Länder. 2016 schaffte Deutschland den Sprung in die TOP 10. Auf dem ersten Rang befindet sich seit sechs Jahren in Reihe die Schweiz. Und auch Österreich rangiert mit der Nummer 20 sehr weit oben auf der Liste. Gratulation an die DACH-Region! Aber dieser Index ist für uns gefährlich.

Zuerst möchte ich jedoch meine Bewunderung für die Arbeit hinter dieser Studie äußern. Denn Innovation - ein so komplexer und vielschichtiger Sammelbegriff - zu messen, ist ungeheuer schwierig. Zuerst mussten sich die Verfasser der Studie auf eine Definition des Begriffes einigen. Dabei stützten sie sich auf die Auslegung der OECD:

„An innovation is the implementation of a new or significantly improved product (good or service), a new process, a new marketing method, or a new organizational method in business practices, workplace organization, or external relations.“

Weiter haben sich die Verfasser darauf einigen müssen, dass sie inkrementelle Innovationen genau so berücksichtigen wollen wie die radikalen oder „Breakthrough“-Innovationen.

Als nächstes mussten die Verfasser entscheiden, ob sie Innovation als Prozess oder als Ergebnis messen wollen und haben sich für den Ansatz entschieden, sowohl „Input“- als auch „Output“-Faktoren herbeizuziehen. Bei den „Inputs“ handelt es sich um eine differenzierte Auslegung all jener Faktoren, die Innovationen begünstigen. Beispielsweise werden hier Indikatoren berücksichtigt wie: Politische Stabilität, Vertrauen ins Rechtssystem, Einfachheit ein neues Unternehmen zu gründen, Einfachheit die Steuern zu zahlen, Bildungsausgaben, Universitäten-Ranking und viele mehr. Die „Outputs“ auf der anderen Seite setzen sich aus „Wissensoutputs“, „technologischen Outputs“ und „kreative Outputs“ zusammen. Hier finden sich Faktoren wie diese wieder: Patentanmeldungen, wissenschaftliche und technologische Publikationen, Startup-Dichte, Ausgaben für Computer-Software, Export von High-Tech-Produkten und einige mehr. Alle Faktoren zusammen ergeben eine Liste von 82 Innovationsindikatoren.

Mit Hilfe dieser Fülle an Daten lassen sich ganz verschiedene Ranglisten erstellen, welche ihrerseits wiederum Grundlage für interpretierende Artikel sind („Wie schafft es die Schweiz sich so lange an der Spitze zu halten?“, etc.). Nur: Kann der Innovationsgrad aus diesen Zahlen überhaupt bestimmt werden? Betrachte ich die Liste mit den 82 Innovationsindikatoren, muss ich bei jedem einzelnen sagen: „Ja, dies kann Innovation begünstigen, muss aber nicht.“ Manchmal kann sogar ein „schlechter“ Wert Dünger für Innovationen werden. Ganz nach dem Motto: Not macht erfinderisch. Als weitere Schwierigkeit in dieser Auswertung gilt zu erwähnen, dass viele Indikatoren selbst schwierig zu bestimmen sind und die Datenqualität von Land zu Land schwankt. Und was bedeutet ein Platz auf der Länderrangliste für einzelne Unternehmen? Es ist immer gefährlich aus Studienresultaten Schlüsse zu ziehen.

Die weitaus grösste Gefahr, die diese Rangliste für unsere Unternehmen darstellt, hat allerdings nichts damit zu tun, wie aussagekräftig die Studie ist. Betrachten wir hierfür noch einmal das eingangs erwähnte Beispiel des Stromverbrauchs. In einem Feldexperiment in Kalifornien unter der Leitung von Robert B. Cialdini fanden Verhaltensforscher heraus, dass der Vergleich des Stromverbrauchs zwischen Nachbaren insgesamt zu einer Verbrauchsreduktion führte. Allerdings führte diese „Rangliste“ bei den Spitzenreitern mit dem tiefsten Verbrauch zu einem gegenteiligen Effekt. Sie hörten auf sich Mühe zu geben und deren Verbrauch stieg im Anschluss an.

Liebe Schweizer, Deutsche und Österreicher, es gibt in der Innovation noch viel Luft nach oben. Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, dass wir alles so belassen sollten wie es heute ist, um morgen innovativ zu sein. Selbstzufriedenheit ist nicht die beste Voraussetzung für Innovationen. Viel eher ist es das Gefühl eines leichten Unwohlseins, eines Hungers. Das Wissen darum, noch nicht am Ziel zu sein. Denn am Ziel sind wir nie. Das Rennen wird immer schneller - hier bleibt keine Zeit, um sich auf irgendwelchen Lorbeeren auszuruhen. Weiter geht’s!

 

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