Noten, Titel, Diplome – der unrealistische Wunsch, Menschen zu quantifizieren

Erinnern wir uns kurz an unsere Schulzeit. Kann irgendjemand wirklich behaupten, dass unsere Noten fair waren? Wir alle wissen, wie aussageschwach Zeugnisnoten sind. Ausschlaggebend für die Notengebung sind standardisierte Prüfungen mit meist entweder richtigen oder falschen Antworten, die Erfahrung der Lehrperson, die durchschnittliche Leistung der jeweiligen Klasse und unberechenbare äußere Umstände. Der Mathelehrer bewertete stets großzügig. An den Französischprüfungen hat die Hälfte der Klasse gespickt. Im Geographieunterricht gab es nur zwei Prüfungen, bei einer davon fühlte ich mich krank und hatte Mühe mich zu konzentrieren. Die Zeugnisnote in Geschichte wurde aus zwei Vorträgen eruiert. Und nun vergleicht jemand mein Zeugnis mit demjenigen eines Kollegen einer anderen Klasse, und möchte tatsächlich Aussagen daraus ableiten können? Wie viel Wert haben Diplome und Titel? Und was sagen sie wirklich über den Menschen aus? Ist eine gute Note ein Zeichen von Intelligenz? Von Fleiß? Von Anpassungsfähigkeit? Von Folgsamkeit? Oder bloss von Glück?

Man muss in Statistik nicht bewandert sein um zu wissen, dass sich Werte nur dann vergleichen lassen, wenn die Rahmenbedingungen der zu quantifizierenden Objekte möglichst identisch sind. Ich persönlich halte sehr wenig von Noten und dies obwohl ich nie mit schlechten Noten zu kämpfen hatte. Doch unsere Arbeitswelt hegt den starken Wunsch, anhand ein paar weniger Zahlen die richtigen Kandidaten für vakante Stellen zu finden. Für Berufe, die womöglich zu unserer Schulzeit noch nicht einmal existierten. Dies hat gleich mehrere negative Konsequenzen:

  • Die Unternehmen bewerten jeweils nur einen Bruchteil der Persönlichkeit, und dies ohne den jeweiligen Maßstab zu kennen.
  • Alle, die in den entscheidenden Momenten aus irgendeinem Grund Pech hatten und nicht mit Bestnoten abschließen, werden bei Bewerbungen stets auf besser Qualifizierte treffen, die für die Stelle womöglich viel unpassender sind.
  • Da beim Bewerbungsprozess Abschlüsse, Titel und Diplome zunehmend unabdingbar werden, entsteht ein immer größeres Angebot um an Diplome und Titel zu gelangen, was wiederum dazu führt, dass das Vergleichen noch schwieriger wird.
  • Und, obwohl heutige Unternehmen von einzigartigen Persönlichkeiten stark profitieren könnten, wird zunehmend auf Durchschnittstypen mit überdurchschnittlich guten Noten gesetzt.

In unserem Bildungssystem werden immer wieder Stimmen laut, die eine Abschaffung der Schulnoten fordern. Schüler sollen keine nichts aussagenden Zahlen mehr in ihren Abschlusszeugnissen haben, sondern eine eher ganzheitliche Beschreibung der Fähigkeiten, Stärken und Schwächen, den Interessen und zwischenmenschlichen Faktoren. Dies bedeutet aber an allen Fronten mehr Arbeit. Es ist bequemer und einfacher mit Zahlen einer vorgegebenen Werteskala Durchschnitte auszurechnen. Vielleicht ist es hier die Wirtschaft, die den ersten Schritt weg von quantitativen Bewertungen individueller Personen wagt – ich würde dies sehr begrüßen.

Ich stelle mir ein Unternehmen vor, welches die Bewerber auffordert, keine Diplome, Abschlüsse, Titel und Noten einzusenden, sondern zum Beispiel eine für den Job relevante Aufgabenstellung zu lösen, welche keine richtige oder falsche Antwort besitzt (wie dies in der Realität ja die Regel ist). In einem zweiten Schritt würde das Unternehmen die Bewerber nicht zu einem Interview mit einem Vorgesetzten – also dem klassischen Verhör – einladen, sondern zu ungezwungenen Gesprächen mit den zukünftigen Teammitgliedern (diese sollten über neue Kandidaten entscheiden und nicht die Führungskräfte, die nicht Tag ein Tag aus mit diesen Personen arbeiten werden). Noch besser wäre es, zu einem halbtägigen Workshop mit dem zukünftigen Team eingeladen zu werden, bei dem gemeinsam an einem aktuellen Thema gearbeitet wird. Beide Seiten erleben sich in einer Arbeitssituation und lernen die Denkweise und die Kultur der jeweils anderen Seite kennen. Kleiner positiver Nebeneffekt für das Unternehmen sind die eingebrachten frischen Ideen der Bewerber für eine aktuelle Aufgabenstellung.

Es gibt sehr viele weitere Möglichkeiten, Bewerber ganzheitlicher kennen zu lernen und somit die richtigen Personen zu finden, als bloss den Blick auf Noten und Diplome. Denn nicht überall ist die richtige Person für einen Job diejenige, die gut auf Prüfungen lernen kann. Ich wünsche mir von heutigen Unternehmen ein größeres Interesse am Menschen hinter der Bewerbung. Dieser Mehraufwand lohnt sich bestimmt für alle.

 

Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Buch: "Hört auf vorzugeben, innovativ zu sein - Die Kunst der radikalen Innovation", welches bald erscheint. Hierkönnen Sie sich für eine Vorabversion bewerben.

Sollten Sie an Ihrem Unternehmensanlass oder an einer Konferenz einen Vortrag zu diesem Thema wünschen, dann finden Sie hier alle Informationen dazu.