Liebe Innovatoren, gewöhnt euch an die zweite Geige

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, heute früh aufzustehen, um einen neuen Artikel zu schreiben. Als ich gestern Abend den Wecker gestellt habe, malte ich mir in Gedanken das Bild aus, wie ich früh morgens - draußen noch alles dunkel und still - voller Motivation und Inspiration am Laptop sitze und einen Satz nach dem anderen in die Tasten haue. Dieses Bild von mir selbst gefiel mir. Es gefiel mir so gut, dass ich keinen Zweifel hatte, dies auch wirklich durchzuziehen.

Heute Morgen läutete der Wecker und auf einmal war mir dieses romantische Bild des von der Muse geküssten Ich ziemlich egal. Es war zu schön im Bett. Habe ich mich selbst nicht im Griff? Wer ist überhaupt dieses „Ich“? Ist es die Person, die am Abend den Wecker stellt oder die Person die am Morgen den Wecker abstellt um weiter zu schlafen? Offensichtlich gibt es in mir drin unterschiedliche Kräfte. Ist es das berühmte Engelchen und Teufelchen auf den Schultern? Falls dem so wäre, welche Stimme ist die gute und welche die böse? Der Verhaltensökonom und Nobelpreisträger Daniel Kahneman spricht davon, dass es in uns nicht nur ein einziges „Ich“ gibt. Es gibt mindestens zwei, nämlich das „erzählende Ich“ und das „erlebende Ich“. Das „erlebende Ich“ lebt in der Gegenwart. Es ist das „Ich“, welches bei einem Marathonlauf ständig sagt: „Ich kann nicht mehr. Warum mache ich das überhaupt. Ich werde dies nie wieder tun.“ Das „erzählende Ich“ aber lebt in der Vergangenheit und der Zukunft. Und dieses „Ich“ ist ständig damit beschäftigt ein möglichst positives und logisches Bild meiner selbst zu skizzieren. Es versucht alle Entscheidungen und Handlungen des „erlebenden Ichs“ im Nachhinein so zu verknüpfen, zu verdrehen oder gar ganz neu zu erfinden, sodass ich ein gutes Bild von mir habe und sodass mein Leben wie eine zusammenhängende Geschichte klingt. Es ist das „Ich“, das einen Tag nach meinem Marathonlauf erzählt, wie großartig diese Erfahrung war. Wie sehr ich mit dieser Anstrengung gewachsen bin und dass ich auf jeden Fall im nächsten Jahr wieder einen Marathon laufen werde. Das „erzählende Ich“ stellt am Abend den Wecker und das „erlebende Ich“ bleibt am Morgen im Bett liegen. Das „erzählende Ich“ fasst sich all die guten Vorsätze fürs Neue Jahr, die dann nur so lange halten bis das „erlebende Ich“ das Zepter übernimmt und all diese Vorsätze für Humbug erklärt.

Kann es sein, dass viele Menschen, die sich zu einer Organisation zusammenschließen, auch ein „erzählendes“ und ein „erlebendes Ich“ besitzen. Da bin ich mir ziemlich sicher - und dies spielt den Innovatoren leider gar nicht in die Karten. Das „erzählende Ich“ darf von dem Luxus gebrauch machen, sich nicht mit der Gegenwart auseinander setzen zu müssen. Und so kann es die Vergangenheit zurechtbiegen und Pläne für die Zukunft schmieden. Das „erzählende Ich“ einer Organisation kommt ziemlich rasch dahinter, dass ein Fokus auf Innovation für künftige Erfolge von enormer Wichtigkeit ist. Genau darum findet man bei fast jedem Unternehmen Innovation in ihren Zielen und Strategiepapieren wieder. Blöd nur befasst sich die Innovation immer mit der Zukunft und gehört somit ausschließlich in das Herrschaftsgebiet des „erzählenden Ichs“. Das „erlebende Ich“ einer Organisation möchte sich nie um Innovationen kümmern. Denn im Heute spielen Diese nie eine Rolle. Und so kommt es, dass im ganzen Land an jedem Abend praktisch alle Unternehmen den Innovationswecker stellen, nur damit am Morgen alle auf den Ausschaltknopf drücken um weiter zu schlafen.

 

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