Was Innovatoren von Odysseus lernen können

Während seiner zehnjährigen Irrfahrt von Troja an der Westküste der heutigen Türkei zurück in seine Heimat nach Ithaka, einer Insel im Westen von Griechenland musste Odysseus bekanntlich etliche Abenteuer bestreiten. Eines der Eindrücklichsten ist seine Begegnung mit den Sirenen. „Hüte dich vor ihrem Gesang“, wurde Odysseus im Vorfeld gewarnt. Denn kein Seefahrer, der diesen betörenden Gesang hörte, sei jemals lebend wiedergesehen worden. Odysseus aber - ganz der Held, als den er sich selbst gern sah - wollte diese einmalige Show nicht verpassen. Und so nahm er Kurs auf die Insel der Sirenen. Viele vermeintliche Helden vor ihm hatten die Warnungen bereits ignoriert und sich selbst gesagt: „Natürlich verfällt ein schwacher Geist dem lockenden Gesang der schönen Sirenen. Ich aber bin stärker! Ich werde den Lockrufen widerstehen können.“

Diese Geschichte aus der Odyssee ist wohl eine der schönsten Darstellungen unseres täglichen Kampfes des „erzählenden Ichs“ und des „erlebenden Ichs“ (in meinem letzten Artikel erfährst du mehr zu diesen beiden „Ichs“). In jedem Held vor Odysseus hat das erzählende Ich selbstbewusst erklärt, wie stark und widerstandsfähig die eigene Persönlichkeit sei. Doch kaum dem Gesang der Sirenen ausgesetzt übernahm das erlebende Ich das Ruder, kümmerte sich einen Deut um die bedeutungsschwangeren Selbstdarstellungen des erzählenden Ichs und sprang kopfüber ins Verderben.

Die Innovationsbestrebungen eines Unternehmens sind immer die Pläne des erzählenden Ichs. Jedes Unternehmen, welches sich sagt: „Künftig werden wir uns viel stärker auf Innovation fokussieren“, gleicht einem Seefahrer, der behauptete er werde an der Insel der Sirenen vorbeisegeln und seine Zieldestination dennoch erreichen. Auf dem Weg zu einem erfolgreichen Innovationsmanagement muss jedes Unternehmen an zahlreichen Sirenen vorbeifahren.

Odysseus hätte sich entscheiden können, einen anderen Weg zu nehmen. Er hätte den Sirenen ausweichen können. Das können Unternehmen, die innovativer sein werden nicht. Denn die Sirenen singen überall. Was aber hat der Held der Odyssee gemach? Er hat seinen Männern die Ohren mit Wachs verstopft und sie somit außer Gefahr gebracht. Und sich selbst ließ er an den Segelmast binden. Es ist der Sieg des erzählenden Ichs über das erlebende Ich. Odysseus wusste, dass sein zukünftiges (erlebende) Ich nicht stark genug sein würde, um dem Gesang zu widerstehen. Also ließ er dieses schwache Ich jetzt, solange er es noch konnte, anbinden. Was können Innovatoren daraus lernen?

Überlegen Sie sich heute, an welchen Sirenen Sie morgen und übermorgen vorbeisegeln werden. Und dann fesseln Sie das schwache Ich bereits heute an den Mast. Was sind häufige Sirenen, die jede Innovationsbestrebung ins Verderben ziehen möchten? Eine der ersten könnte ein noch herrenloses, aber bereits lanciertes Projekt sein. „Ah, wir haben ja nun ein Innovationsteam. Die könnten doch das Projekt XY übernehmen?“ Eine weitere oft gesehene Sirene nennt sich „Quick Wins“ (manchmal auch „Low hanging Fruits“): „Ja, wir setzen jetzt voll und ganz auf Innovationen. In 3 Monaten möchten wir erste Erfolge sehen“. Auch nicht selten ist die Teilzeit-Sirene zu beobachten: „Unser Leiter Marketing (kann durch viele andere Titel ersetzt werden) hat die Aufgabe erhalten, 20% seiner Zeit für das Thema Innovation aufzuwenden“. Dann gibt es noch die Sirene der HR-Ideen: „Liebes Innovationsteam, ich habe da eine Idee: Wie wäre es mit kostenlosem Salat am Mittag?“. Oder die Business-Plan-Sirene: „Ah, ihr habt ein innovatives Konzept. Gut, legt mir doch nächste Woche einen Business-Plan vor.“

Natürlich gibt es noch unzählige mehr. Wie kann sich Odysseus vor diesen Sirenen schützen? Am Besten, indem er sie gleich im Vorfeld enttarnt als das was sie wirklich sind. Sirenen sind sogenannte Todesdämonen. Sehen wunderschön aus, singen zauberhaft, wollen aber nur eins: die Seefahrer außer Gefecht setzen. Die Sirenen auf dem Seeweg der Innovatoren haben zumeist keine so zerstörerischen Absichten. Sie meinen es fast immer gut. Das macht sie aber nur noch gefährlicher. Die Innovatoren tun sich gut daran, allen Sirenen einen Korb zu geben, noch bevor sie singen können. „Von uns könnt ihr keine Quick Wins erwarten. Wir werden kein bereits laufendes Projekt übernehmen, keine Ideen weiterverfolgen die nur dem wohl unserer Mitarbeiter dienen, keine Business-Pläne schreiben und neben der Innovation nicht noch im Tagesgeschäft tätig sein.“ Bäm!

Haben Sie weitere Ideen, wie Sie sich vor den Innovations-Sirenen schützen können? Schreiben Sie diese unten als Kommentar.

 

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